John Millington Synge - Würzburgs irischer Schriftsteller

 

John Millington Synge wurde am 16. April 1871 in Rathfarnham im Süden Dublins geboren, sein Vater, ein Rechtsanwalt, starb, als John gerade ein Jahr alt war. Seine Mutter musste sich alleine um die Versorgung von fünf Kindern kümmern, von denen das älteste 15 Jahre alt und John mit einem Jahr das jüngste war. Obwohl John ein zartes, kränkliches Kind war, hatte er eine doch wohl weitgehend glückliche Kindheit, er hatte Freude an der Naturbeobachtung – und Gelegenheit dazu in den regelmäßigen Ferien der Familie auf dem Landsitz der Familie in Glanmore und in dem – damals noch kleinen – Fischerort Greystones, beides in der Grafschaft Wicklow gelegen.

 

John erhielt Privatunterricht und wurde für einige Zeit an Schulen in Dublin und in Bray unterrichtet. Später besuchte er die Royal Irish Academy of Music, wo er Klavier, Flöte, Violine und Musiktheorie studierte. Mit 18 Jahren, nachdem die Familie nach Kingstown, dem heutigen Dun Laoghaire, umgezogen war, schrieb er sich am Trinity College in Dublin ein und erwarb dort einen Abschluss in Irisch und Hebräisch. Gleichzeitig hatte er sein Musikstudium fortgesetzt und hierfür sogar ein Stipendium bekommen.

 

John stand immer unter dem starken Einfluss seiner Mutter, die strenge protestantische Grundsätze hatte und die Beschäftigung ihres Sohnes mit der Musik kritisch sah. Nachdem er den Entschluss gefasst hatte, die Musik zum Beruf zu machen, wollte er seine Studien im europäischen Ausland fortsetzten. Dies gelang ihm erst mit Hilfe von Mary Synge, einer Verwandten aus England, die als Pianistin bereits ein gewisses Renommee erworben hatte und Johns Mutter überzeugen konnte, ihren Widerstand gegen die Pläne ihres Sohnes aufzugeben. Mary begleitete ihn zunächst auf der Reise nach Europa, und gemeinsam kamen die beiden 1893 in Deutschland an, wo John in Koblenz sein Musikstudium fortsetzte und bei Freunden von Mary Synge, der Familie von Eicken, wohnte.

 

Die Königliche Musikschule in Würzburg – letztlich das Vorgängerinstitut der heutigen Hochschule für Musik – hatte Ende des 19. Jahrhunderts unter seinem damaligen Leiter Karl Kliebert einen hervorragenden Ruf, der auch John Millington Synge nach Würzburg zog.

 

Nachdem Synge am 22. Januar 1894 in Würzburg angekommen war und seine ersten Nächte im Bahnhofshotel verbrachte, fand er ein Zimmer am Haugerring 16, seine Vermieterin war Frau Elise Süßer. Zur Erinnerung an Synges Aufenthalt in Würzburg hat die Deutsch-Irische Gesellschaft im Mai 2014 an der Stelle, wo Synge zur Miete wohnte, eine Gedenktafel anbringen lassen. Das ursprüngliche Haus wurde 1945 zerstört, heute steht dort das Verwaltungsgebäude der WVV (heutige Adresse: Haugerring 5).

 

Über Frau Süßer ist – außer ihrem Nachnamen – in den Biographien über John Millington Synge nichts bekannt, und doch weist ihr Leben auf eine spätere Zeit in der Geschichte Würzburgs hin. Als John Millington Synge bei ihr als Mieter einzog, war sie 37 Jahre alt, sie stammte aus einer jüdischen Familie in Laudenbach bei Karlstadt. Elise Süßer war ihr Leben lang unverheiratet und wohnte zuletzt im jüdischen Altenheim in der Konradstraße 3. Im hohen Alter von 85 Jahren wurde sie im September 1942 aus Würzburg nach Theresienstadt deportiert und starb dort im Januar 1943.

 

John Millington Synge war ein schüchterner Mensch und hatte wenig Kontakte in Würzburg. Er las die bedeutenden Werke der klassischen deutschen Literatur in der Originalsprache – in seinem Tagebuch finden sich entsprechende Eintragungen, an manchen Tagen etwas ausführlicher, manche Tage enthalten lediglich das Wort „Goethe“ – und  unternahm regelmäßige Spaziergänge in die Umgebung. Aus seinem Tagebuch lassen sich etwa zehn Wanderungen nachvollziehen, die er während seines Aufenthaltes in Würzburg unternommen hat: nach Veitshöchheim, Randersacker, Dürrbach, Höchberg, Rottendorf, um nur einige zu nennen.

 

Während seiner Zeit an der Königlichen Musikschule wird ihm klar, dass er als Instrumentalist sein ständig vorhandenes Lampenfieber nicht in den Griff bekommen würde, und als Komponist nicht die nötige Begabung hätte. Es sind noch heute Kompositionen von John Millington Synge erhalten, die allerdings von eher durchschnittlicher Qualität sind. Und so trifft er in Würzburg eine schwerwiegende Entscheidung: er gibt sein Musikstudium auf und kehrt Anfang Juni 1894, nach einem kurzen Aufenthalt bei der Familie von Eicken in Koblenz, nach Irland zurück.

 

Es folgt eine Zeit der Suche, Synge reist über Rom nach Paris, wo er Sprachen studiert. In Paris lernt er 1896 William Butler Yeats, den Schriftsteller und späteren Nobelpreisträger, kennen. Yeats war es schließlich, der Synge den Rat gibt, nach Irland zurückzukehren und über das Leben der Menschen auf den Aran Islands zu schreiben, ein Thema, das in der irischen Literatur bislang noch keinen Ausdruck gefunden hatte.

 

Das Leben der einfachen Menschen – auf den Inseln im Westen Irlands wie in den Bergen von Wicklow – sollte das bestimmende Thema in Synges Werken werden. John Millington Synge hat insgesamt sechs Theaterstücke verfasst, sein bekanntestes Stück war „The Playboy of the Western World“, das im Westen Irlands spielt, auch zwei Stücke, die in unserer Partnerregion Wicklow spielen, hat er geschrieben: „In the Shadow of the Glen“ und „The Tinker’s Wedding“. Neben den Theaterstücken sind uns Reiseberichte über Wicklow, die Aran Islands und Regionen im Westen Irlands überliefert, außerdem eine kleinere Sammlung von Gedichten.

 

Synge war im Jahr 1903 neben William Butler Yeats und Lady Gregory einer der Begründer des Abbey Theatre in Dublin, noch heute eine Institution in der irischen Theaterwelt. Sein Stück „The Playboy of the Western World“ hat bei seiner Uraufführung 1907 zu tumultartigen Szenen im Theater geführt, weil es nach Auffassung der Zuschauer durch seine unmoralische Sprache die Würde Irlands angreife. Der Schluss des Stückes wurde bei der Uraufführung unter Polizeischutz als Pantomime gespielt. Synge hatte die weibliche Hauptrolle für die junge Schauspielerin Molly Allgood geschrieben, die er 1905 kennengelernt hatte und die seine große, von seiner Familie und seinem Umfeld nie akzeptierte Liebe wurde. John Millington Synge starb am 24. März 1909 im Alter von nicht einmal 38 Jahren an Krebs, die ersehnte Heirat mit Molly konnte nicht mehr stattfinden. Er ist, trotz der kurzen Schaffenszeit, die ihm blieb, in die irische Literaturgeschichte als einer der großen Dramatiker des 20. Jahrhunderts eingegangen.

 

Synge war nicht nur musikalisch und literarisch aktiv, er war auch ein Pionier der Fotografie. Auf zahlreichen Reisen durch seine irische Heimat hat er insbesondere ländliche Szenen fotografisch festgehalten. Seine erste Kamera kaufte er 1898 während eines Aufenthaltes auf den Aran Islands gebraucht von einem anderen Touristen. Insgesamt sind in seinem Nachlass noch etwa 55 Bilder als Glasplatten oder Zelluloidnegative erhalten, die im Original in der Handschriftenabteilung der Bibliothek von Trinity College, Dublin, aufbewahrt werden. Eine Ausstellung, die von der Deutsch-Irischen Gesellschaft Würzburg erstellt und organisiert wurde, zeigte seine Bilder, die er auf Wanderungen und Fahrradtouren in Würzburgs Partnerregion Wicklow und in Dublin aufgenommen hat. Die Fotografien waren im Rahmen dieser Ausstellung im September 2014 erstmals in Deutschland zu sehen.

 

Im weiteren Verlauf des Jahres 2015 waren John Millington Synges Bilder noch in Wicklow und Mullagh / Irland und in der irischen Botschaft in Berlin zu betrachten. Im Frühjahr 2016 kam die Ausstellung auf Einladung der Samuel-Beckett-Gesellschaft nach Kassel, im Sommer 2016 war sie im Armin-Knab-Gymnasium in Kitzingen zu sehen. Weitere Anfragen liegen bereits vor, so ist beispielsweise 2017 nochmals ein Transport nach Irland geplant.